Zwischen Euphorie und Geduldsprobe —
Die Forschungsprojekte des Dermatologen Lukas Villiger und des Anästhesisten Timur Yurttas sorgen weit über St.Gallen hinaus für Aufmerksamkeit. Im Gespräch erzählen sie, wie die Nähe zur Klinik ihre wissenschaftliche Arbeit prägt.
Lukas Villiger, Sie haben 2025 für Ihre herausragende Forschungsarbeit einen Award der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie erhalten. Worum geht es in Ihrem Projekt?
Lukas Villiger: Wir untersuchen, wie das Hautmikrobiom, also sämtliche Mikroorganismen wie Bakterien und Viren auf der Haut, das Immunsystem beeinflusst und welche Rolle es bei der Entstehung von Hautkrebs spielt. Lange wurde der Einfluss der Haut auf das Immunsystem kaum erforscht, heute stehen dafür deutlich bessere Methoden zur Verfügung.
Timur Yurttas, Ihr Fachgebiet ist die Anästhesie. Bei Ihren Forschungen steht eine weltweit neue Beatmungsform im Zentrum. Was ist das Ziel?
Timur Yurttas: Obwohl moderne Beatmungsverfahren heute deutlich sicherer sind, besteht weiterhin das Risiko von Lungenschäden oder Komplikationen nach Operationen. Herkömmliche Beatmungsgeräte konzentrieren sich vor allem auf die Einatmung. Die Ausatmung erfolgt meist unkontrolliert, wodurch Teile der Lunge zusammenfallen können. Dadurch wird das empfindliche Lungengewebe belastet. Eine neue Beatmungstechnologie ermöglicht nun eine schonende und kontrollierte Ausatmung, wodurch mögliche Komplikationen reduziert werden könnten.
Ihre Studien dazu sind pionierhaft und wer den von St.Gallen aus koordiniert. Wo stehen Sie aktuell?
Timur Yurttas: Wir haben hier mit dem Projekt angefangen, in einer ersten Studie europaweit die Durchführbarkeit getestet und dafür die Maschine an mehreren Zentren einheitlich angewandt. Im Sommer 2026 startet die zweite Studie mit insgesamt 1’500 Teilnehmenden. Dabei werden wir verschiedene Behandlungsgruppen vergleichen und erstmals die direkten Auswirkungen auf die Patientinnen und Patienten systematisch unter suchen

«Das Projekt gewinnt zunehmend an Bedeutung.»
Dr. Timur Yurttas, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Oberarzt Anästhesiologie, Rettungs- und Schmerzmedizin
Sie sind beide erfolgreiche Wissenschaftler und haben trotzdem je ein Pensum von 50 Prozent in der Klinik. Bremst Sie das nicht aus?
Lukas Villiger: Im Gegenteil. Gerade in der Dermatologie hat es den grossen Vorteil, dass ich sehr direkt und rasch Zugang zu Gewebeproben habe. Zudem schätze ich die Abwechslung: In der Klinik sind die Tage stark strukturiert, in der Forschung kann ich freier arbeiten. Die Nähe zur Klinik schafft wichtige Voraussetzungen für meine wissenschaftliche Arbeit.
Timur Yurttas: Die praktische Arbeit im Operationssaal verlernt man zwar nicht sofort, ähnlich wie Velofahren (lacht), dennoch ist es wichtig, regelmässig klinisch tätig zu bleiben, um die praktischen Fähigkeiten zu erhalten. Gleichzeitig hilft der enge Bezug zum Klinikalltag dabei, praxisnahe Studien zu entwickeln. Sowohl in der Klinik als auch in der Forschung ist zudem gute Teamarbeit entscheidend.
Inwiefern befruchtet die Forschung Ihre klinische Arbeit?
Lukas Villiger: Die klinische Arbeit ermöglicht mir den Realitätsabgleich – eine sinnvolle Kombination. Es nützt nichts, wenn wir im Labor etwas entwickeln, das später keinen konkreten Nutzen für Patientinnen und Patienten hat.
Timur Yurttas: In der Klinik bin ich direkt mit den Beatmungsformen konfrontiert und kann neue Erkenntnisse sofort anwenden. Gleich zeitig kann ich diese Erfahrungen auch an junge Forschende weitergeben.
Timur Yurttas, Sie haben es bereits angetönt: Ihre Forschung ist weit fortgeschritten. Wie gross ist Ihre Euphorie?
Timur Yurttas: Sehr gross! Diese neue Beatmungsform könnte vieles infrage stellen und weckt grosses internationales Interesse. Wir erleben enorme Unterstützung: Kolleginnen und Kollegen aus der gesamten Schweiz, aber auch aus New York und Paris waren bereits in St.Gallen und sind heute Teil des Projekts.
Lukas Villiger, Ihr Ziel ist weiter entfernt. Wie viel Geduld brauchen Sie noch?
Lukas Villiger: Wir haben bereits wichtige Meilensteine erreicht, aber die erhofften Resultate stehen noch aus. Forschungsarbeit braucht einen langen Atem.

«Die Klinik ist wichtig für den Realitätsabgleich.»
Dr. Dr. Lukas Villiger, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistenzarzt Dermatologie/Venerologie/Allergologie